11. August 2010

Hochwasser

16 Uhr: Die Geburtstagsfeier meines Opas zum 70sten ist im vollem Gange. Der Wasserpegel steigt und die Neißewiesen füllen sich, doch das ist noch nicht unnormal.

17 Uhr: Container und große Bäume schwimmen an uns vorbei, das Wasser steigt weiter. Einige von uns verlassen die Party und gehen auf die Brücke. Sie kommen mit der Nachricht zurück, dass das Wasser bereits kurz vor der Brücke ist. Wir werden aufmerksamer.

18 Uhr:Das Essen wird geliefert. Die Lieferanten sind beunruhigt und erzählen von den viel zu hohen Ständen des Wassers. Meine Mutter und die Freundin meines Cousins gehen nach Hause, um die vegetarischen Schnitzel zu braten. Kurz darauf folgen mein Vater und ich, da wir das Auto aus der Garage holen wollen, die direkt am Fluss liegt. Doch meine Mutter ist bereits unterwegs es zu holen, nachdem sie nach dem Wasserstand geschaut hat. Auch mein Vater prüft den Wasserstand. Ich gehe zurück zur Schule, wo wir feiern. Meine Eltern bleiben zurück. Der Freund meiner Schwester verlässt die Schule und geht zu uns nach Hause, um nach dem Rechten zu sehen. Wir sehen sie erst mal ein paar Stunden nicht.

19 Uhr: Meine Eltern fahren die Autos auf eine erhöhte Wiese vor dem Haus und räumen einige Geräte aus dem Keller nach oben. Meine Schwester bekommt einen Anruf von meinem Vater wo ihr Autoschlüssel ist. Die Flut kommt. Das Wasser dringt in den Hof der Schule. Der Hof füllt sich schnell und das Wasser steigt, es kommt von mehreren Seiten. Meine Eltern zuhause und wir in der Schule sind eingeschlossen, die Autos konnten fast alle retten. Einer der Gäste kommt nicht mehr in seine Garage. Sie ist vom Wasser eingeschlossen. Die Verbindung zu meinem Vater bricht ab, er hört nicht mehr wie meine Schwester in der Küche sagt.

Die Flut schießt auf unseren Keller zu. Mein Vater knallt die Tür zu. Die Wassermassen reißen sie aus den Angeln. In der Annahme, dass sich der Autoschlüssel im Waschhaus befindet, taucht mein Vater in den Keller, doch er findet nichts. Sie räumen alle elektrischen Geräte in das erste Stockwerk.

20 Uhr: Der Freund meiner Schwester kommt eingeschlossen durch die Wassermassen nicht mehr zurück, nachdem auch er sein Auto gerettet hat. Er läuft durch Hagenwerder, um einen Weg zu finden. Doch das Wasser ist überall. Ihm bleibt nichts anderes übrig als ins Wasser zu gehen. Es geht ihm über die Knie und er rutscht aus. Um die Tür zur Schule zu öffnen muss er sich dagegen stemmen. Glitschnass kommt er bei uns an. Der Strom ist inzwischen ausgefallen. Autos, die noch vor der Schule stehen werden hin und her gespült. Ich weiß nicht was mit meinen Eltern ist. Erst Stunden später kommen sie in Badesachen zu uns geschwommen. Ein Paar, dass seine Kinder sucht kommt an uns vorbei und reden mit uns über ein Fenster. Sie gehen bald weiter. Die Feuerwehr, die direkt neben uns ist rückt aus. Nach Görlitz. In Hagenwerder ist niemand um zu helfen.

Irgendwann kommt eine Durchsage durchs Megaphone, dass wir die Häuser verlassen sollen. Aber wohin wir gehen sollen sagen sie nicht. Wer nicht das Haus verlassen will, soll in den ersten Stock seines Hauses gehen. Sporadisch kann ich mit meinem Freund über polnisches Netz telefonieren. Das deutsche ist zusammen gebrochen. Er macht sich große Sorgen und erzählt von einem Staudammbruch und das eine zweite Welle kommen soll. So sagen sie es in den Medien. Aber die Welle war bereits da.

Mit den Taschenlampen die meine Eltern mitgebracht haben machen wir uns Licht. Wir schlafen auf den Boden, soweit wir schlafen können und decken uns mit Tischdecken zu. Um 5 Uhr morgens wagen wir den Weg nach Hause. Die Straßen sind voller Matsch, wir gehen barfuß. Und mit den Taschenlampen. Das Wasser hat sich zurückgezogen.

Das Ausmaß der Katastrophe wird uns nach 3 Stunden Schlaf  bewusst. Wir kommen noch nicht in den Keller aber man sieht auch so wie schlimm es war. Die Straßen nach Görlitz, Polen und Zittau sind unpassierbar. Wir sind so gut wie eingeschlossen. Auch die Gleise hat es fort gerissen. Unsere Getränke standen alle im Keller. Wir haben kaum was zu trinken. Das Wasser aus der Leitung ist schmutzig und wir haben immer noch kein Strom. Das Handynetz ist weiterhin zusammen gebrochen. Und die Feuerwehren sind in Görlitz zum Einsatz. Das Auto meiner Schwester steht verschlammt vor unserem Haus. Die Kellertür ist weg gebrochen. Unsere Straße, die am nahsten beim Fluss ist hat es schwer getroffen.

Die Aufräumarbeiten fangen an…

Video 

PS: In dem Video ist sogar das Auto meiner Schwester zu sehen. Ca. bei 5:54 min.




Author: Julia Franz

Julia, 24, Modemädchen

Lesen, Schreiben, Fotografieren. Kreativ sein. Das alles ist meine Leidenschaft. In meinen Träumen begebe ich mich in andere Welten und dahin möchte ich euch mitnehmen. Mit meinen Fotos, mit meinen Texten und mit meinen Gedanken.

2 Comments

  • Hallo Julia.

    Ich muss mal bisschen was berichtigen, nicht das ein falsches Bild entsteht. Die Freiwillige Feuerwehr Hagenwerder / Tauchritz war bereits weit bevor das Wasser in Hagenwerder war, in Hagenwerder im Einsatz. Wir haben Hagenwerder während der gesamten Zeit der Katastrophe nie verlassen. Wir waren die ersten 3 Tage (fast) durchgehend im Einsatz um Menschen zu Evakuieren die in ihren Häusern eingeschlossen waren. Im Rahmen dieser Flut waren wir zu keinem Zeitpunkt in Görlitz selbst eingesetzt worden. Dies kann ich sagen da ich selbst die ganze Länge der Katastrophe und deren Auswirkungen im Rahmen der FFW Hagenwerder / Tauchritz im Einsatz war.

    Ansonsten schöner Erfahrungsbericht. Ist mal interessant andere Standpunkte zu lesen.

    LG Rebel.

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